“Sprache beginnt dort,
wo die Welt dich berührt.”

Über mich

Durch meine Biographie in Sprache und Literatur erforsche ich, wie Worte Identität formen. Polnisch trägt meine Kindheit in sich, Deutsch meine Suche nach Ausdruck und Präzision, Englisch meine Weite und den Blick über Grenzen – gemeinsam erzählen sie von einer Stimme, die zwischen Sprachen zu Hause ist.

sprache ist werden
Ich bin in Polen geboren – umgeben von Büchern und Stimmen, die mir Sprachräume schenkten.

Meine väterliche Großmutter kam nach dem 2. Weltkrieg aus Weißrussland nach Polen und wurde in ihren jungen Jahren Lehrerin an einer Schule für Offiziere. Später unterrichtete sie an einer Grundschule in meinem Heimatort. Schon früh brachte sie mir die kyrillische Schrift bei, noch bevor ich eingeschult wurde. Ich schrieb polnische Wörter in russischen Buchstaben und dachte, ich könnte Russisch. Die kyrillische Schrift war mein Schutzraum: Ich konnte alle meine Gedanken dort verstecken.

Mein Stiefopa, der zweite Mann meiner väterlichen  Großmutter, war Podpułkownik und schrieb leidenschaftlich Gedichte. Sein handgeschriebener Gedichtband und andere Schriften lagen in einem verschlossenen Fach – wir Enkelkinder hatten nie Zugang dazu. Seine Gedichte faszinierten mich dennoch, allein durch ihre Existenz, durch das Geheimnis, dass er sie schrieb, während wir nur zuschauen durften. Heute habe ich das Band bei mir zu Hause.

Meine mütterliche Großmutter öffnete mir einen anderen Sprachraum: Deutsch. Ihre Schwester war mit ihrer Familie in den Westen ausgewandert, und wenn sie uns in Polen besuchten, füllte sich das Haus mit einem süßen, hellen Klang. Deutsch war für mich ein Kinderzimmer aus Stimmen. Ich unterrichtete meine Puppen auf Deutsch und beschloss früh, Lehrerin zu werden – für eine Sprache, die ich noch kaum verstand, aber spürte.

Nach dem Abitur kam ich als Au-pair nach Deutschland. Zufall führte mich in die Werkstatt einer Künstlerin, die Engel aus Ton formte – modern, roh, unvollkommen schön. Ich half ihr, den Ton zu klopfen, während im Radio Deutschlandfunk lief. Ich lernte, dass Klang auch Form ist, dass Sprache etwas Körperliches sein kann.

Danach studierte ich Germanistik und spürte, dass literarische Texte wie Ton geformt werden können: Schicht für Schicht, Satz für Satz, bis jeder Text seine Stimme und seine Form erhält.

Zwischendurch lebte ich in Idaho, wo sich ein neuer Sprachraum auftat  und meine Wahrnehmung von Worten erweiterte: Englisch.

Heute unterrichte ich tatsächlich Deutsch  an einer Oberschule und beobachte Jugendliche dabei, wie sie durch Sprache wachsen und sich entfalten.
SPRACHE & ERINNERUNG
Hier stehe ich neben Melusine, meinem Lieblingsengel, den Regine erschuf. Noch heute erinnere ich mich an den Geruch von nassem Ton in ihrer Werkstatt. Während ich Ton klopfte, Deutschvokabeln wiederholte und die Formen der Engel betrachtete, wurde Lernen zu einem sinnlichen Erlebnis – mit Händen, Augen und Ohren zugleich. Mit Regine wiederholte ich die Wörter, eingebettet in diese ästhetische Umgebung – ich hatte Glück, so Deutsch erlernen zu können.